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Das sterbende Dorf von Lesbos

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Im Juni 2017 zerstörte ein Erdbeben das Dorf Vrisa auf der griechischen Insel Lesbos. Die meisten Bewohner verloren ihre Häuser. Jetzt verlieren sie auch die Hoffnung.

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 „Das schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt Vasso. Stathis, ihr Ehemann, nickt traurig. Wir sitzen in einem Kafeneion, einem Kaffeehaus im Dorf Vrisa auf der griechischen Ägäisinsel Lesbos.

Es ist ein sonniger Februartag, das Thermometer zeigt frühlingshafte 17 Grad. Aber die Szenerie ringsum ist gespenstisch. Die Taverne an der gegenüberliegenden Ecke der Platía, des kleinen Dorfplatzes: eine Ruine.

Schief hängen die großen Türen in den Rahmen, die Scheiben sind gesplittert, das Dach ist eingestürzt. In einem einstigen Dorfladen sind die Verkaufstheke und die leeren Regale zu erkennen. So sieht es überall entlang der Dorfstraße aus. Wo überhaupt noch Häuser stehen, zeigen sie tiefe Risse in den Mauern.

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Der 12. Juni 2017 war ein warmer Sommertag in Vrisa. Das Leben in dem 800-Einwohner-Ort ging seinen gewohnten Gang. Um 15.28 Uhr war es damit vorbei. Ein dumpfes, böses Grollen aus der Tiefe kündigt das Unheil an. „Es war wie ein Donnern aus der Hölle“, sagt Vasso.

Dann beginnt die Erde zu beben. 20 Sekunden lang erschüttern immer neue Stoßwellen das Dorf. Unter ohrenbetäubendem Getöse hüllt eine gewaltige Staubwolke den Ort ein. Als sie sich legt, bietet sich ein Bild völliger Verwüstung. Die meisten Häuser des Dorfes sind eingestürzt oder schwer beschädigt.

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Früher standen Tische unter der großen Platane auf der Platía. „Hier haben wir an den warmen Sommerabenden gesessen. Hier haben wir unsere Feste gefeiert. Hier schlug das Herz von Vrisa“, erinnert sich Vasso wehmütig. Drei Kaffeehäuser und vier Tavernen hatte das Dorf, ein Dutzend Läden, eine öffentliche Bibliothek und ein Museum - alles zerstört oder geschlossen.

Draußen fährt ein Streifenwagen vorbei. Eigentlich dürften wir gar nicht hier sein. Das Dorf ist eine Sperrzone. Ende Januar verlängerten die Behörden das Verbot auf unbestimmte Zeit. Zu gefährlich sei der Aufenthalt, wegen der vielen Ruinen in den engen Gassen, die bei einem neuen Beben ganz einstürzen könnten.

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Das Dorf wurde zu 80 Prozent zerstört. Trotz der großen Schäden forderte das Beben nur ein Todesopfer. Elf Menschen wurden verletzt.

Der Schutt wurde zwar von den Straßen geräumt, die nun wieder passierbar sind. Die Obdachlosen bekamen Mietzuschüsse, man versprach ihnen Hilfsgelder für die Anschaffung neuer Hausgeräte.

Ansonsten hat sich fast nichts getan. Die meisten Einwohner sind weggezogen, sie wohnen jetzt in Nachbarorten. Auch Stathis und Vasso leben nicht mehr hier, obwohl ihr Kaffehaus das Beben fast unbeschädigt überstanden hat. Jeden Morgen kommen sie nach Vrisa, trotz des Verbots, schließen ihr Kafeneion auf und sitzen im Gastraum.

„Wir können unser Geschäft doch nicht einfach aufgeben“, erklärt Stathis. Bei Einbruch der Dunkelheit sperren sie wieder ab und verlassen das „Geisterdorf“, wie Vasso den Ort nennt.

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„Vrisa wird wieder wie es war“ hatte Bauminister Christos Spirtzis versprochen, als er nach dem Beben die Insel besuchte. „Er sagte: In einem Jahr sitzen wir hier alle gemeinsam unter der Platane und trinken einen Ouzo“, erinnert sich Stathis. Auch der konservative Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis kam und versprach jede erdenkliche Hilfe.

Doch kein Politiker aus Athen tauchte auf. 80 Prozent Zuschüsse und 20 Prozent zinslose Darlehen versprach die Regierung für den Wiederaufbau der Häuser. Aber die Behörden verstricken die Dorfbewohner in immer neue Papierkriege. Von den 256 unbewohnbaren Gebäuden seien bisher erst zwei abgerissen worden. „Wieder aufgebaut wurde bisher überhaupt nichts“, bestätigt der Kaffeehauswirt Stathis.

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Auf Lesbos kursieren Gerüchte. Längst sei entschieden, Vrisa aufzugeben, wegen der gefährlichen Bodenbeschaffenheit. Der Seismologe Efthymios Lekkas von der staatlichen Organisation für den Erdbebenschutz (OASP) bestreitet, dass es solche Überlegungen gibt. Es sei durchaus möglich, das Dorf erbebenresistent wieder aufzubauen.

Im Rathaus der Inselhauptstadt Mytilini heißt es: Wir haben in Vrisa den Schutt von den Straßen geräumt. Nun sei die Regierung in Athen am Zug. Das Bauministerium war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

„Man hat uns vergessen“, sagt Vasso. Seit der Katastrophe findet sie kaum noch ruhigen Schlaf, schreckt häufig hoch. Der ständige Anblick der Ruinen, das Nichtstun und das Warten, die gespenstische Stille setzen ihr zu. Vasso fürchtet, dass die fortgezogenen Einwohner nie zurückkehren werden. „Dies ist ein sterbendes Dorf.“

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