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Ein Multimedia-Porträt der Schriftstellerin Annette Hess

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Sie schrieb die Drehbücher zu den Erfolgsserien „Weissensee“ und „Ku’damm 56“. Ihr erster Roman „Deutsches Haus“ führt wieder in die deutsche Vergangenheit. Inspiriert wird Annette Hess von den Fotos und Zeichnungen in ihrer Scheune.

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Als Drehbuchautorin hat Annette Hess zu ihren Geschichten oft gleich Bilder im Kopf. Dass Bilder ihr auch im Alltag viel bedeuten, zeigt ein Blick in ihr Zuhause: Die Wände ihres Arbeitszimmers sind mit Gemälden, Postkarten, Zeichnungen und Fotografien gefüllt. Zu jedem Bild hat die 51-Jährige eine Geschichte zu erzählen. Zusammengenommen ergeben sie ein Porträt der Autorin.

Im Video erzählt die Autorin von ihrer Sammelleidenschaft:

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Dieses Bild hat Hess direkt neben ihren verschnörkelten, quietschgrünen Schreibtisch gehängt. „Wenn der Storch einen Fisch fängt, dann habe ich eine Idee“, sagt Hess. Sie sammelt Bilder von Ebay. „Die haben meist keinen besonderen künstlerischen Wert, aber ich kann mich in ihnen verlieren. Jedes einzelne löst etwas in mir aus.“

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Besonders gilt das für ihre drei Helden Astrid Lindgren, David Bowie und Ingmar Bergman. Hess umgibt sich mit Autogrammen, Fotografien und Zeichnungen ihrer Idole. Ein Buddha und eine Madonna aus dem Nachlass von Bergman bewahrt sie in ihrem Schlafzimmer auf – allerdings nicht so wie der einstige Besitzer auf dem Nachttisch. „Das wäre mir zu nah. Sie standen auch mal auf dem Schreibtisch – das ging gar nicht. Da kam mir meine Arbeit im Vergleich so minderwertig vor.“
Die blonde Autorin mit der gertenschlanken Statur strahlt mit minimalistischer Mimik und trockenem Tonfall eine Aufgeräumtheit aus, doch das bunte Sammelsurium an ihren Wänden erzählt ganz andere Geschichten.

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Hier erzählt die Autorin, wie Lindgren und Co. sie inspirieren.

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Viel Licht, draußen die Weite der Natur, drinnen Stubengemütlichkeit: Die Szenerie auf dem Gemälde ähnelt der umgebauten Scheune, die Annette Hess zu ihrem Schreibrefugium gemacht hat.

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Vor elf Jahren kaufte sie mit ihrem Mann, einem Künstler, einen Bauernhof im niedersächsischen Coppenbrügge. Ihre Geschichten spielen in Berlin, dort hat sie in den Neunzigerjahren Szenisches Schreiben studiert. Doch als Autorin braucht Hess die Distanz. Rudi, ein halb tauber und sehr liebes
bedürftiger österreichischer Hofhund, streift um ihre Beine.

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In den Regalen gesellen sich die Mainzelmännchen von Hess’ Seriensender ZDF zu Auszeichnungen wie dem Deutschen Filmpreis und dem Grimme-Preis. Daneben ein Pokal mit der Aufschrift „Beste Mutter der Welt“. Er stammt von ihrer Tochter, eins von zwei Kindern. Sie studiert jetzt an der Kunsthochschule Weißensee, so schließt sich der Kreis.

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Das Bild steht für die Faszination der Autorin für historische Stoffe. Ihre Geschichten haben oft einen wahren Kern, so wie „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007) über eine Frau, die aus der DDR in die BRD abgeschoben wird und um ihre Kinder kämpft. „So wie ich von meiner Scheune aus nach Berlin blicke, so sehe ich gerne auch mit zeitlichem Abstand auf die Dinge. Mich interessiert: Was hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind?“

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Ihr Debütroman „Deutsches Haus“ handelt von den Auschwitzprozessen ab dem Jahr 1963 und basiert auf den vor fünf Jahren freigegebenen Tonbändern: 400 Stunden Grauen. Beim Abhören war Hess beeindruckt von der Ruhe der polnischen Dolmetscherin und machte sie zur Protagonistin ihres Romans. „All das Schreckliche musste ja quasi durch sie hindurch, indem sie es übersetzte.“ Wie ihre Heldin Eva, so sieht sich Hess selbst als Übersetzerin von Geschichte.
Dem Roman liest man mitunter zu deutlich an, dass er aus der Perspektive der Gegenwart zurückschaut. Immer wieder wird die Verdrängung der Deutschen beschworen, ihre Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Allerdings ist „Deutsches Haus“ – benannt nach der Wirtschaft von Evas Eltern – gerade in dieser Hinsicht ein wichtiges Buch für die Gegenwart. „Heute gibt es gesellschaftlich wieder ähnliche Tendenzen wie 1933“, sagt Hess im Hinblick auf Chemnitz, Pegida und AfD. „Die Parallelen haben mich beim Schreiben regelrecht erschreckt.“

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Hess zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie ihres Großvaters. Er macht Mittagsschlaf im Garten, in dem Hess als Kind frohe Stunden verbrachte. Ihr Vorfahr war zwischen 1939 und 1944 Polizist in Polen. Über diese Zeit sprach er nie. Wurde er Zeuge von Gräueltaten oder war gar selbst daran beteiligt? Auch diese Fragen trieben Hess um, als sie „Deutsches Haus“ schrieb. „Meine Geschichten sind nie beliebig, sie haben immer mit mir selbst zu tun“, sagt sie.
Bei ihrem ersten Roman hat es ihr besonders gefallen, Gerüche zu beschreiben. „Man ist mit dem Leser allein, hat kein Team, das sich um die historische Kulisse kümmert.“

So wie auf diesem Bild mit dem Zaun stellt sich Hess die Häuser der Angeklagten im Auschwitz-Prozess vor, die sich vor der Öffentlichkeit abschirmen wollten.

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Hier berichtet die Autorin über ihren Debütroman "Deutsches Haus"

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Hess erzählt in ihren Werken von Frauen, die mit den Widrigkeiten ihrer Zeit kämpfen. So wie die Töchter der strengen Tanzschullehrerin aus der Wirtschaftswunder-Serie „Ku’damm“. Oder auch wie Eva aus dem „Deutschen Haus“. Ihr Verlobter – ein reicher Unternehmersohn – möchte nicht, dass sie arbeitet. Zu Beginn der Geschichte ist Eva laut Hess „eins dieser Fräuleins, die nichts von Auschwitz wusste“. Doch mit dem Fortgang des Prozesses reift sie.

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Hess bezeichnet sich als „absolute Feministin“. Ihre Bücher sollten nicht nur unterhalten, sondern auch stärken und Frauen Mut machen. Dazu trägt auch ihre eigene Erfolgsgeschichte bei. Während Drehbuchautoren meist ein Schattendasein fristen, hat Annette Hess sich einen Namen gemacht. Schon ihre Studienabschlussarbeit wurde zur Vorlage des prominent besetzten Films „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (2004), sie schrieb für Serien wie „In aller Freundschaft“. Mit der Initiative Kontrakt ’18 kämpft Hess dafür, dass Autoren so wie im Ausland mehr in die Produktionsprozesse eingebunden werden. Zudem fördert sie fünf Nachwuchstalente, die sie als Gastdozentin an Filmhochschulen entdeckt hat. Gemeinsam mit ihnen arbeitet sie gerade an dem Drehbuch für die Neuauflage von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Serie.
Die Rechte für ihren ersten Roman wurden gleich in 14 Länder verkauft. Das ist sehr ungewöhnlich, Filmproduzenten stehen Schlange. Hess hadert mit diesen Vorschusslorbeeren. „Ich bin ein Mensch mit vielen Selbstzweifeln“, sagt sie.

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Aus dem Erzgebirge kennt man vor allem die Weihnachtsdeko. Die Autorin hat stattdessen einen Miniaturfriseursalon im DDR-Stil an der Wand hängen. Hess ist in Hannover geboren. In ihrer preisgekrönten Fernsehserie „Weissensee“ jedoch fühlt sie sich ins ostdeutsche Lebensgefühl ein. Sie begleitet darin über Jahre hinweg zwei Familien, die sehr unterschiedlich zum System stehen. Hier ist ein Ausschnitt aus der Serie zu sehen:

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„Ich habe als Kind immer DDR-Fernsehen geschaut, war schon mit zehn Jahren fernsehsüchtig“, erzählt die Autorin. Seitdem habe sie dieses andere Deutschland verstehen wollen. Als die Mauer fiel, war Hess in Berlin und führte unzählige Gespräche. „Mich treibt die Neugier auf Menschen an. Jeder hat so viele Geschichten in sich.“

Es klingelt. Der Briefträger bringt neue Bilder.

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