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Der deutsche Traum der jungen Syrer

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Für Deutschland ist es eine zentrale politische Frage: Gelingt bei möglichst vielen Flüchtlingen die Integration durch Arbeit? Viel hängt von jedem Einzelnen ab. Wie für Einheimische gilt: Besser als irgendein schneller Job ist eine gute Ausbildung. Rafaat Hantoush und Nedal Ahmad haben es geschafft.

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Die Factory Berlin ist einer der hippsten Orte der Hauptstadt. In einem früheren Fa­brikgebäude am ehemaligen Mauerstreifen sitzen Technologiefirmen wie Soundcloud und Uber. Und hier bastelt jetzt auch der Syrer Rafaat Hantoush an seinem Erfolg in Deutschland.

Die Geschäftsidee des 33-Jährigen aus Damaskus zielt auf deutsche Helikopter-Eltern: Er hat einen Chip entwickelt, der in die Sohle von Kinderschuhen passt und über eine Bluetooth-Verbindung mit den Smartphones der Eltern kommuniziert. In der näheren Umgebung können die auf dem Bildschirm live verfolgen, wo sich ihr Kind gerade aufhält.

„Als ich vier Jahre alt war, haben meine Eltern mich im Suk meiner Heimatstadt verloren“, erzählt Hantoush. Stundenlang hätten sie zwischen den engen Marktständen gesucht, es wurde Abend, der Junge blieb verschwunden. Erst nach vielen bangen Stunden konnten die Eltern Rafaat wieder in die Arme schließen.

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Für Hantoush geht gerade alles sehr schnell mit dem deutschen Traum. Vor Kurzem hat er einen Preis entgegengenommen, 10.000 US-Dollar für die beste Geschäftsidee, ausgelobt von der Stiftung Jusoor International in Beirut, die Exil-Syrer unterstützt. In Berlin hat er Unterstützung vom Singa Business Lab, das Zugewanderte und ortsansässige Unternehmer zusammenbringt.

Hantoush hat sich in Rekordgeschwindigkeit integriert in die Berliner Start-up-Szene. Deutschkenntnisse waren dafür nicht nötig – inmitten der Hauptstadt lebt er in einer Welt, in der von morgens bis abends nur Englisch gesprochen wird. Dass das auch Nachteile haben kann, fiel ihm auf, als er sein Geschäftsmodell entwickelte.

In englischsprachigen Publikationen las er viel über die Angst vor Entführungen und Missbrauch, im Gespräch mit Berliner Müttern klang das ganz anders. „Wir haben diese Ängste nicht so sehr, wir wollen aber auf dem Spielplatz nicht jede Minute gucken müssen, wo das Kind gerade ist“, hätten die gesagt. Seine Firma "The Bote" sieht dennoch großes Potenzial, auch bei Kindergärten, die dann auf Exkursionen besser auf die Kleinen aufpassen können.

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Natürlich ist Hantoush ein Exot unter den Neuangekommenen aus Syrien, Afghanistan und anderswo. „Ich bin kein Flüchtling“, sagt er entschieden. Er war schon in Syrien Unternehmer, hat dann ein Master-Studium in Portugal selbst bezahlt, in München geforscht und für sein Projekt einen gut bezahlten Job als Datenanalyst bei der Marktforschungsfirma GfK in Nürnberg geschmissen. Hantoush ist nicht mit Asylstatus in Deutschland, sondern mit der europäischen Blue Card für Hochqualifizierte.

Er kennt aber auch Studienkollegen aus Damaskus, die es deutlich schwerer haben als er. „Mediziner, die keine Sprachkenntnisse haben. In Syrien haben sie mit veraltetem Lehrmaterial auf Arabisch studiert.“

Und er kennt Flüchtlinge, die den „German Dream“, den Traum vom guten Leben in Deutschland, mit deutlich weniger Elan verfolgen als er. „In Syrien waren sie nicht faul. Dort hatten sie zwei Jobs, haben von morgens bis abends gearbeitet. Hier werden sie faul. Sie kriegen ihren Lebensunterhalt bezahlt, sitzen im Wohnheim und haben keine Verbindung mehr zur Welt. So kann es nicht weitergehen.“

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Am Ende der Sonnenallee steht Deutschlands größtes Arbeitsamt, offiziell Agentur für Arbeit Berlin-Süd genannt.

Tina Brockstedt leitet das Team Asylsuchende, sie hat immer noch viel Elan und immer weniger Illusionen. „Die wenigsten können sich Abschlüsse anerkennen lassen“, sagt sie. „Alle anderen müssen wieder von vorn anfangen. Das kann zur Frustration führen.“

Die deutschen Behörden haben viel hinzugelernt. Vor 50 Jahren wurden Arbeitsmigranten in Südeuropa, der Türkei und Nordafrika speziell für die körperlich schwersten und am wenigsten anspruchsvollen Tätigkeiten angeworben. Vor 20 Jahren wurden auch Akademiker vom Balkan oder aus Russland in Hilfsjobs abgeschoben.

Jetzt aber gilt die Devise: „Wir wollen gemeinsam mit den Kunden das bestmögliche Integrationsziel erreichen.“ Dazu gehören Integrationskurse, Sprachkurse, Qualifikationskurse – und Niederlagen, weil manchem das Lernen nicht so leicht fällt, weil er es lange nicht mehr gewohnt war.

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Integration braucht Zeit, warnen jetzt alle Experten. Im ersten Jahr, so zeigen die bisherigen Untersuchungen früherer Einwandererwellen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, konnten cirka 8 Prozent eine Beschäftigung aufnehmen. Nach fünf Jahren haben rund 50 Prozent eine Beschäftigung gefunden, nach 15 Jahren sind es schon 70 Prozent. Wird es dieses Mal noch langsamer gehen?

Jahrelange Kursbesuche, das heißt vor allem auch: jahrelang kein Geld über den Hartz-IV-Satz hinaus. „Ich muss jetzt Geld verdienen“, bekommt Brockstedt immer wieder zu hören, wenn sie fragt, warum dieser oder jener den Sprachkurs abgebrochen hat.
 
Im dritten Jahr nach der großen Flüchtlingszuwanderung beginnt sich bei vielen die Routine breitzumachen, und mit ihr auch der Frust.

Tina Brockstedt in Neukölln aber ist immer noch voller Elan: „Wir dürfen jetzt nicht die Flinte ins Korn schmeißen. Es dauert einfach. Wir dürfen sie nicht in den Heimen, in ihren Gruppen alleinelassen. Dafür brauchen wir aber gewisse Ressourcen.“ Dennoch schwingt eine leise Befürchtung mit: Wie lange werden die Arbeitsagentur und auch das Arbeitsministerium noch diesen Schwerpunkt auf die Flüchtlingsteams legen?

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Manche geben schon auf. Angelika Ungerer etwa, in Bad Vilbel bei Frankfurt am Main.

Seit 2015 hat die Maklerin den Flüchtlingshilfe-Verein in ihrer Stadt geleitet, nun kann sie nicht mehr. Sie spricht offen über ihre sehr gemischten Erfahrungen: „Die Flüchtlinge der ersten Stunde, die Syrer, Iraker, Eritreer, die wollen sich hier eine Existenz aufbauen. Die wollen, dass ihre Kinder hier in Frieden aufwachsen“, berichtet sie. „Die Schwarzafrikaner, die jetzt kommen, wollen schnell Geld verdienen. Die haben Verbindungen zu Landsleuten, die sie anstellen, um in Frankfurter Hotels zu putzen.“

Sie kennt die ausbeuterischen Verträge – Wartezeiten und Pausen werden nicht bezahlt, der Mindestlohn weit unterboten. Den Migranten ist das alles egal: Hauptsache, Arbeit.

Ungerer fühlt sich alleingelassen: von ihrem Bürgermeister, dem die Arbeit der Flüchtlingshelfer egal war, von der Landes- und Bundespolitik, aufgerieben vom täglichen Kampf. Ihr Maklergeschäft hat gelitten. „Niemand beauftragt eine Maklerin mit einem Hausverkauf, wenn die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert“, sagt sie. „Hätte ich auch nicht gedacht, ist aber so.“

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In Berlin berichtet Tina Brockstedt von denen, die von Schwarzarbeit, Tagelöhnermaloche und kriminellen Angeboten die Nase voll haben. Die ihren deutschen Traum verfolgen. „Zu uns kommen viele, die sagen: ,Ich will nicht in dieser Schattenwelt arbeiten. Ich will eine richtige Arbeit.’ Diejenigen, die einen Schulabschluss und einen Plan haben, die Angebote von Behörden zu nutzen wissen, die kommen aktiv zu uns. Die anderen müssen wir einsammeln.“

Auf der anderen Seite der Sonnenallee, schräg gegenüber von Brockstedts Büro, liegt das Hotel Estrel. Vor Kurzem fand dort bereits zum dritten Mal eine Jobmesse speziell für Geflüchtete statt. Fast 4000 Besucher kamen, 200 Firmen waren vertreten, am Ende hatten 200 Geflüchtete einen Arbeits- oder Ausbildungsvertrag in der Tasche.

Am Stand der Berliner Ausflugsreederei Riedel beriet Nedal Ahmad die Besucher, wie sie schaffen können, was er schon geschafft hat. Der 22-jährige Kurde aus der nordsyrischen Stadt Qamishli lernt bei der Reederei Kaufmann für Tourismuswirtschaft.

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Nedal Ahmad hat in Rekordzeit Deutsch gelernt, sein syrisches Abitur wurde anerkannt, er konnte ohne große Verzögerung durchstarten. Sein deutscher Traum ist sehr konkret. „Eine kaufmännische Ausbildung wollte ich schon, als ich noch in Syrien war“, sagt er.

Ahmad braucht jeden Morgen rund anderthalb Stunden zur Arbeit. Gemeinsam mit einem anderen syrischen Auszubildenden plant er gerade eine arabische Fassung für die Ansagen, die auf den Schiffen in mehreren Sprachen Berlins wichtigste Sehenswürdigkeiten erklären.

Der 22-Jährige sucht jetzt eine eigene Wohnung näher an seinem Arbeitsplatz. Er ist angekommen in Berlin, er hat die Spielregeln verstanden, die Mentalität des Landes und der Leute.

Sieht auch er seine Landsleute so kritisch wie Rafaat Hantoush, der Start-up-Unternehmer?

Nein. „Ich habe als ehrenamtlicher Dolmetscher viele Flüchtlinge beraten“, erzählt er. „Und ich habe nur sehr wenige getroffen, die hier in Deutschland keinen Plan hatten.“ Und wie ist das mit der Faulheit? „Junge Leute, die in ein neues Land kommen, wollen nicht ihr ganzes Leben vom Staat ausgehalten werden und ansonsten nur rumhängen, da bin ich mir sicher.“

Er guckt noch einmal hinunter zur grauen Spree. Schneeflocken tanzen durch die Luft, wohl die letzten des Jahres. Die Saison beginnt spät dieses Jahr. Aber schon bald geht es los.

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